Hermagor – Do bin i her und warum ich nicht mehr zurück möchte

See Nassfeld Kärnten Austria Berge Ausblick Schigebiet

Die letzten drei Tage habe ich in Kärnten verbracht. Besser gesagt in Hermagor. Dem Ort meiner unbeschwerten Kindheit und meiner enorm aktiven und gesetzlosen Teenager-Zeit, meist zum Leidwesen meiner Mama. Sogar fast 10 Jahre später scheint hier die Welt noch vollkommen in Ordnung und die Zeit einfach still zu stehen. Ändern tut sich in Hermagor nicht viel.

Im Sommer trifft man alle am Pressegger See oder geht wandern und im Winter wird der Hot Spot aufs Nassfeld zum Skifahren und Snowboarden, aber auch zum Après Ski verlegt. Wer keine Lust aufs studieren hat und auch sonst nicht das Weite sucht, der bleibt hier, gründet eine Familie, baut sich ein Haus und gibt sich mit dem zufrieden, was er hat.

Hermagor Kärnten gedanken Heimat Stadt

„Host schon g’heat…?“

Ich habe Hermagor nicht fürs Studium verlassen, dafür war ich leider zu faul, aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich dieses kleine langweilige Nest verlassen und wieder zurück nach Wien, meinem Geburtsort kehren würde. Mit 19 Jahren war es mir dann klar, hier konnte ich nicht mehr bleiben. Versteht mich bitte nicht falsch, Hermagor ist wunderschön und ein netter Ort um alt zu werden. Aber bieten kann es einem leider nicht sehr viel.

Schon gar nicht einem Sportmuffel wie mir. Klar, hin und wieder habe ich den Tiefschnee und die schönen Berge zum Snowboarden genutzt, war Eislaufen, Rodeln oder Schwimmen, aber sonst konnte ich nicht sonderlich viel unternehmen ohne dafür nach Villach oder Klagenfurt fahren zu müssen. Die Tage damals sahen eigentlich immer gleich aus. Tag ein und Tag aus immer wieder die gleichen Gesichter, die einen auf Schritt und Tritt beobachteten.

Man konnte sich sicher sein, dass jeder Fehler den man machte, jeder Schicksalsschlag und alles, was nicht zu 100% der Norm und den Erwartungen der Anderen entsprach, am nächsten Tag ausführlich im gesamten Ort besprochen und weitererzählt wurde. Hier gab es keine Geheimnisse und man sprach ganz offen über die Sorgen und Probleme. Aber natürlich nur über die der anderen. Ganz klar.

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Die Schattenseite, sozusagen, in einer Kleinstadt wo jeder jeden kennt. Und wo konnte man solche Themen am besten besprechen, als im Gasthaus oder auf einen der vielen Feste, die es in Hermagor und Umgebung zur Genüge und immer mit reichlich Alkohol gibt? Auch ich hatte hier meine Alkoholphase und diese bereue ich ehrlich gesagt noch bis heute.

Eine Party folgte der nächsten, immer war Alkohol im Spiel, jede Feier, jeder Ausflug, Altstadtpartys, das Speckfest, Kirchtage, Honigfest und was es sonst noch alles gibt. Am Ende war man erst recht wieder betrunken und es schien jedes mal so, als ob es das Normalste auf der Welt gewesen wäre. Ich wollte das alles nicht mehr, ich hatte genug davon.

Ich wusste ja noch nicht einmal wer ich wirklich war und wo ich hinwollte in meinem Leben, denn eigentlich war ich immer nur damit beschäftigt, so zu sein, dass andere mich mochten und ja nicht all zuviel aufzufallen! Hatte ich damals eigentlich Hobbys? Ich weiß es gar nicht mehr. Was ich aber wusste war klar; Ich musste hier weg und zwar schnell.

Mutter und Tochter Pressegger See hermagor
Hermagor Kärnten Presseggersee

Pfiati Hermagor und Hallo Wien

Endlich stand es fest, ich würde nach Wien ziehen. Alle meine Möbel und Sachen habe ich verschenkt, bis zum Schluss nur noch eine Reisetasche über blieb, mit der ich mich in den Zug nach Wien setzte. 1.000 Euro, geliehen von Mamas Freund, keine Wohnung oder Job und absolut keine Ahnung was ich in Wien machen wollte waren meine Motivation.

Glaubt mir, es war wirklich nicht einfach und es hat sehr viel Fleiß und viele Tränen gekostet, bis ich da ankam wo ich heute bin. Das erste Jahr habe ich sogar in einer alten Messi-Wohnung gelebt, wo ich erstmal Kakerlaken und ganz viel ekelhaftes Zeug, was ich euch hier und jetzt lieber nicht erzählen will, entfernen musste. Es war ein Horror aber ich habe versucht nicht den Kopf hängen zu lassen und habe nebenbei mehrere Ausbildungen gemacht.

Heimhilfe, Krankenpflegeschule und schlussendlich die Ausbildung zur Ordinationsassistentin. Und damit habe ich auch endlich den Job gefunden, der am besten zu mir passt, wo ich helfen kann und gefordert bin. Wenn der Beruf zum Hobby wird und man dankbar sein kann, dafür auch noch gut bezahlt zu werden, wenn die Stunden im Nu vergehen und man gerne früh morgens aufsteht um in die Arbeit zu fahren, dann hat man definitiv seinen Traumjob gefunden.

Freunde Naturschwimmbad Radnig Hermagor

Watschig Hermagor Pferd

Ich bin wirklich glücklich in Wien, stolz darauf, dass ich den Weg gegangen bin und vor allem dass ich endlich herausgefunden habe, wer ich eigentlich bin. Hier wird mir nie langweilig, ständig entdecke ich in dieser Stadt ein neues Abenteuer. Ich teste mich durch Restaurants, gehe auf Konzerte und nütze das vielfältige Angebot.

Alkohol hingegen trinke ich nur noch selten und ich kann so sein, wie ich bin. Ich muss mich hier nicht verstellen, muss es niemanden recht machen, darf mich auch schon einmal aufführen wie ich will und Grenzen überschreiten. Es interessiert hier niemanden und das ist eindeutig einer der größten Vorteile, die so eine große Stadt bieten kann. Und wenn dann doch einmal alles zu hektisch und anstrengend wird, fahre ich für ein paar Tage zurück nach Hermagor, besuche meine Familie und meine alten Freunde und genieße die Auszeit.

Ich gehe eine Runde um den Pressegger See, wandere auf einen Berg und an einem Abend gönne ich mir eine kleine Gasthaustour durch Hermagor und lasse mir die Neuigkeiten der Bewohner erzählen. Nach drei Tagen habe ich dann aber spätestens wieder genug und möchte nur noch nach Hause. Dann habe ich Hermagor wieder satt und bin es leid die ganzen lästigen Fragen wie: „Wie geht es dir?“, „Was arbeitest du?“, „Was verdient man damit?“ und „Warum isst du kein Fleisch?“ zu beantworten.

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Hermagor, do bin i her, oba noch Wien do ghör i hin

Auf dem Weg zurück nach Wien lasse ich dann die letzten Tage immer noch ein wenig Revue passieren und etwas wehmütig denke ich daran, dass ich all die lieben Menschen, die ich in Hermagor habe, wieder für eine ganz lange Zeit nicht sehen werde. Wie zum Beispiel meine Mama, die stundenlang von ihrem Garten erzählen kann und selbst schon einmal nach Wien ausgewandert ist. Eine meiner besten Freundinnen von damals, die jedes Mal über Wien schimpft und ihre Erfüllung am Bauernhof gefunden hat. Sogar Alpakas und ein Zwergpony hat sie sich mittlerweile zugelegt und blüht in der Rolle als Bäuerin richtig auf. Dabei war ich doch diejenige, die als Kind immer einen Bauernhof haben wollte.

Hermagor Pressegger See
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Auch wenn ich mir zur Zeit nicht vorstellen kann jemals wieder nach Hermagor zu ziehen, so ist es dennoch gut zu wissen, dass ich jederzeit zurück kommen könnte und dass es dort viele liebe Menschen gibt, die mich mit offenen Armen empfangen würden. Es ist sehr beruhigend zu wissen, dass es einen Ort gibt an den man zurückkehren kann und wo man sich darauf verlassen kann, dass dort immer noch alles beim Alten ist und die Zeit etwas langsamer als anderswo zu vergehen scheint.

Heimat Hermagor Kärnten

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Nicole

Ein wirklich toller Beitrag und unglaublich schöne Bilder hast du aber geschossen! Ich kann nur zu gut mit dir mit fühlen – ich komme aus einem 300 Einwohner dorf und ich könnte glatt sagen, genau das selbe, wir haben noch nicht einmal einen Bäcker und wenn mal ein fremdes Auto vor der Tür park, munkelt am nächsten Tag das halbe dorf, wem es gehört und am übernächsten weiß schon jeder irgendetwas dazu… Das mit den Dorffesten könnte ich genauso auch unterschreiben und deshalb musste ich auch weg, weg für’s Studium und dann weg nach Australien – jetzt wohne ich vorübergehend wieder hier und ja – ich fühle mich wie du!
Schön, dass du den Schritt gewagt hast mit nur 1000€ nach Wien zu gehen und da ich weiß wie schön Wien ist, bin ich mir sicher du wirst es nie bereuhen!

Liebste Grüße

Nicky

curls all over

Ach das Gerede auf dem Land kenn ich nur zu gut! Aber mach dir nichts draus! Ein super schöner Beitrag??

Liebe Grüße
Cherifa

Patricia

Ach schön, ich habe unsere Sommerurlaube in Kärnten immer genossen! Es ist so wunderschön dort, und ich werde immer wieder gerne ein paar Tage dort verbringen. Aber genauso gut kann ich nachvollziehen, dass du nach ein paar Tagen genug davon hast und einfach wieder zurück nach Wien möchtest..
Es war meist so ruhig dort! und für eine gewisse Zeit ist das auch wunderbar, aber irgendwann braucht man dann doch wieder mehr „Action“ 😛
Wunderschöne Bilder sind das übrigens, einfach herrlich!!
Liebste Grüße,
Patricia

Trixi

Liebe Iris, der Beitrag ist einfach klasse! Ich kann mich so gut in Deine Situation hineinversetzen, da ich selbst aus einem kleinen Dorf komme, wo die Zeit einfach langsamer vergeht. Die ständigen Fragen bin ich auch Leid, aber ich freue mich dennoch immer wieder auf ein paar Tage in der Heimat! Am Dienstag ist es wieder soweit 🙂

Alles Liebe,
Trixi

Ani

Super schöner Beitrag liebe Iris! Ja, dieses Getratsche kenn ich als Landkind nur zur gut! Aber schön, dass du deinen Weg gegangen bist und glücklich und zufrieden bist – denn das ist das wichtigste! <3

Ich wünsch dir alles Gute für 2017 und einen guten Rutsch!! <3

**Ani**

Anita

Wunderschöner Artikel, liebe Iris! Ich mag deinen Blog und deinen Schreibstil total gerne 🙂 Wenn man hier in dem Nest lebt, versucht man dem Klatsch und Tratsch und der Kleinkariertheit halt zu entfliehen, in dem man viel reist oder in die Berge geht 😉 Ich wünsche dir alles Liebe für 2017 und weiterhin happy Blogging :* LG von der Gailtal Bloggerin 😉

Ulrike Drexler-zack

Liebe sprinzeminze
Da ist dir wieder was geglückt: ich hab ein paar ganz locker sitzende tränchen (grad noch ) in den augenwinkeln (aber wenn ich nicht aufpasse – wer weiß) ! Da ist dir wieder was geglückt … weil ich ja grad jz so besonders in mich reinhör bzw auch den Nerv ja grad den ? meiner zukünftigen Leserinnen u Leser treffen will ! Also von mir ein ganz großes DANKE ? und drück dich; wünsch dir einfach nur das beste bzw uns allen dass du „so“ weiterschreibst!!!
With Love U.